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Montag, 20 April, 2020

Der postmoderne Faschismus

ist an die Oberfläche gespült. Er tritt ungeniert und zynisch auf. Er kann jetzt überall erkannt werden.

Sie musste ins Pflegeheim. Als er sie hinbrachte, nahm er ihr vertraute Gerätschaften mit: Eine Stehlampe, einen kleinen Flachfernseher, eine kleines Radio und eine elektrische Zahnbürste. Er war Ingenieur der Elektrotechnik. Er wusste, dass es besser ist diese Geräte mit Netzspannungswandlern, ausgeführt als Steckdosenwandler, zu betreiben; sie war oft verwirrt. Mit der Heimleitung kam es schon einmal wegen derartigen Geräten zum Disput. Die Heimleitung verlangte damals von ihm 32,50 € für eine Leistung, die weder sie noch er bestellt hatte.

Das hat alles seine postmoderne Ordnung. Die Heimleitung erklärte, dass eine fachkundige Prüfung ortsveränderänderlicher Geräte nach DGUV V3 nachgewiesen werden muss. Eine nähere Erläuterung sei an dieser Stelle allen Leser*innen erspart. Auch der Monolog, den die Heimleitung mit dem Elektroingenieur führte, nachdem er nachgefragt hat, weshalb pro Gerät jeweils 2 Mal die Prüfungsgebühr von 6,50 € angefallen sei soll hier nicht niedergeschrieben werden. Es ist irrational und kann schlicht rational nicht aufgelöst werden. Jetzt in Zeiten der Corona-Krise tritt die Irrationalität noch einmal ganz anders auf und lässt dem Elektroingenieur die Ohnmacht spüren, die durchaus mit dem modernen Typ des Faschismus einen Vergleich erlaubt. Die einzige Hoffnung, die ihm verbleibt ist, dass seine geliebte Frau das alles nicht mehr wahrnimmt. Sie war früher in der DKP und hat gekämpft. Jetzt ist sie krank und kämpft schon lange nicht mehr. Sie kämpfte damals mit der DKP an einer anderen Front. Sie wird es nicht mehr erfahren: Antifaschismus geht anders.

Er hatte gekämpft mit der Heimleitung und in einem Punkt einigten sie sich. Sie durfte nach Wochen heraus und ihn im Garten treffen. Sie bat ihn: Da wäre doch diese Mini-Musikanlage, die ihre Töchter ihr zu Weihnachten geschenkt hatten. Immer hörte sie damit die alten Lieder auf CD; sie könne sie bedienen, sie sei sich sicher trotz ihrer fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit.

Er rief an: Ohne Aufkleber, der die Gerätesicherheit dokumentiert, dürfe die Anlage nicht ins Pflegeheim. Er sei hilflos. Ein Testat eine Elektroingenieurs würde nicht anerkannt. Die Verordnung sehe solch eine Regelung nicht vor; er könne sich auch ein anderes Heim suchen. Das sagte nicht er, das sagte die Heimleitung. Die Heimleitung handelt ordentlich und gemäß den Buchstaben der Verordnung. Vermutlich schütteln die Juristen jetzt den Kopf und erkennen, dass da ein Geschäft möglich gewesen wäre; wir leben doch im Rechtsstaat, da ist doch immer ein Geschäft gerade jetzt zu machen.

Er versuchte es ein letztes Mal. Die Heimleitung möge eine zeitlich begrenzte Ausnahme machen. Der Mediamarkt, in dem das Gerät gekauft wurde, sei wegen der Krise geschlossen. Die Heimleitung lehnte ab. Sie könne nichts dafür. Gerade in Zeiten der Corona müsse jetzt jede Vorschrift eingehalten werden.

Als ich mit einem Bekannten deshalb am Telefon sprach, der sich auch empört zeigte über solch eine Heimleitung, der aber selber mir diesen Aufkleber per Brief nicht einfach mal so zusenden wollte und ich deshalb vorschlug, dass wegen der Entfernung von 270 km ich erst einmal einen solchen Aufkleber per Farbdrucker herstellen und ihm damit aushelfen wolle, schwieg er lange: Das sei verboten.

Posted by Michael Schwegler at 14:55
Edited on: Mittwoch, 06 Mai, 2020 11:34
Categories: Der einfache Mensch