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Montag, 20 April, 2020

Der postmoderne Faschismus

ist an die Oberfläche gespült. Er tritt ungeniert und zynisch auf. Er kann jetzt überall erkannt werden.

Sie musste ins Pflegeheim. Als er sie hinbrachte, nahm er ihr vertraute Gerätschaften mit: Eine Stehlampe, einen kleinen Flachfernseher, eine kleines Radio und eine elektrische Zahnbürste. Er war Ingenieur der Elektrotechnik. Er wusste, dass es besser ist diese Geräte mit Netzspannungswandlern, ausgeführt als Steckdosenwandler, zu betreiben; sie war oft verwirrt. Mit der Heimleitung kam es schon einmal wegen derartigen Geräten zum Disput. Die Heimleitung verlangte damals von ihm 32,50 € für eine Leistung, die weder sie noch er bestellt hatte.

Das hat alles seine postmoderne Ordnung. Die Heimleitung erklärte, dass eine fachkundige Prüfung ortsveränderänderlicher Geräte nach DGUV V3 nachgewiesen werden muss. Eine nähere Erläuterung sei an dieser Stelle allen Leser*innen erspart. Auch der Monolog, den die Heimleitung mit dem Elektroingenieur führte, nachdem er nachgefragt hat, weshalb pro Gerät jeweils 2 Mal die Prüfungsgebühr von 6,50 € angefallen sei soll hier nicht niedergeschrieben werden. Es ist irrational und kann schlicht rational nicht aufgelöst werden. Jetzt in Zeiten der Corona-Krise tritt die Irrationalität noch einmal ganz anders auf und lässt dem Elektroingenieur die Ohnmacht spüren, die durchaus mit dem modernen Typ des Faschismus einen Vergleich erlaubt. Die einzige Hoffnung, die ihm verbleibt ist, dass seine geliebte Frau das alles nicht mehr wahrnimmt. Sie war früher in der DKP und hat gekämpft. Jetzt ist sie krank und kämpft schon lange nicht mehr. Sie kämpfte damals mit der DKP an einer anderen Front. Sie wird es nicht mehr erfahren: Antifaschismus geht anders.

Er hatte gekämpft mit der Heimleitung und in einem Punkt einigten sie sich. Sie durfte nach Wochen heraus und ihn im Garten treffen. Sie bat ihn: Da wäre doch diese Mini-Musikanlage, die ihre Töchter ihr zu Weihnachten geschenkt hatten. Immer hörte sie damit die alten Lieder auf CD; sie könne sie bedienen, sie sei sich sicher trotz ihrer fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit.

Er rief an: Ohne Aufkleber, der die Gerätesicherheit dokumentiert, dürfe die Anlage nicht ins Pflegeheim. Er sei hilflos. Ein Testat eine Elektroingenieurs würde nicht anerkannt. Die Verordnung sehe solch eine Regelung nicht vor; er könne sich auch ein anderes Heim suchen. Das sagte nicht er, das sagte die Heimleitung. Die Heimleitung handelt ordentlich und gemäß den Buchstaben der Verordnung. Vermutlich schütteln die Juristen jetzt den Kopf und erkennen, dass da ein Geschäft möglich gewesen wäre; wir leben doch im Rechtsstaat, da ist doch immer ein Geschäft gerade jetzt zu machen.

Er versuchte es ein letztes Mal. Die Heimleitung möge eine zeitlich begrenzte Ausnahme machen. Der Mediamarkt, in dem das Gerät gekauft wurde, sei wegen der Krise geschlossen. Die Heimleitung lehnte ab. Sie könne nichts dafür. Gerade in Zeiten der Corona müsse jetzt jede Vorschrift eingehalten werden.

Als ich mit einem Bekannten deshalb am Telefon sprach, der sich auch empört zeigte über solch eine Heimleitung, der aber selber mir diesen Aufkleber per Brief nicht einfach mal so zusenden wollte und ich deshalb vorschlug, dass wegen der Entfernung von 270 km ich erst einmal einen solchen Aufkleber per Farbdrucker herstellen und ihm damit aushelfen wolle, schwieg er lange: Das sei verboten.

Posted by Michael Schwegler at 14:55
Edited on: Mittwoch, 06 Mai, 2020 11:34
Categories: Der einfache Mensch

Montag, 13 April, 2020

Das Abseits als sicherer Ort? Perdu !

Da sitzt er nun mit seine Krone. Die Freiheit hat er den Bürgerinnen und Bürgern genommen. Die weitaus größte Mehrheit des Demos hat zugestimmt. Der Despot ist im Rechtsstaat ausgemacht. Das war Vielen schon länger klar. Jetzt liegt der empirische Beleg vor. Der letzte Beleg taugt, um die Behauptung als wissenschaftlich belegt zu schreiben. Die Richter der Bundesverfassungsgericht sehen das natürlich anders. Die müssen das anders sehen. Sie sind jetzt untrennbarer Teil der Obrigkeit. Paulus, der Knecht Jesus Christus, hat sich durchgesetzt.

Lasst ihn da sitzen. Er macht nicht nur eine armselige Figur. Ihr aber solltet bedenken, dass jeder Spaß vorbei ist. Keiner wird mehr über die Spaßgesellschaft schreiben. Zu makaber ist der Gedanke, dass es ein Lachen sein wird, das uns beerdigt. Die Aufgabe, die jetzt zu stemmen ist, berührt nicht mehr die Freiheit. Sie würde den Enkelkindern auch nichts mehr nützen wenn das Klima sich ungebremst weiter verändert. Das wird sich jetzt ungebremst verändern. Das Recht erlaubt es.

Jetzt nachdem er auferstanden ist, muss der Widerstand aufhören politisch zu sein. Das ist die letzte Chance. Am Ende des Prozesses, der jetzt beginnen muss, werden Politiker gebraucht; am Ende und keinesfalls am Anfang. Am Anfang muss jetzt das Vertrauen stehen, damit können Politiker und Richter nichts anfangen.

Das Paradigma des Prozesses, der jetzt beginnen muss, ist das Vertrauen. Vertrauen, außerhalb des Politischen.

Sie haben jetzt alle Macht im Staate. Dagegen steht nur noch die Intelligenz und das Ausland. Das Ausland als sicherer Ort. Wer hätte geglaubt, dass solch ein Satz in Deutschland jemals wieder geschrieben werden muss. Edward Snowden ließ ihn erahnen. Bei Chelsea Manning ist es schiefgelaufen; sie wollte sich zuletzt umbringen. Studiert die Geschichte: Im Parlament des Völkerbundes erschoss sich Stefan Lux am 3. Juli 1936 während einer Parlamentsdebatte. Täglich wird er geschlagen; er sitzt in den Räumen, die früher die Gestapo eingerichtet hat. Julian Assange. Die Juristen und Presseleute sehen das anders; die müssen das anders sehen: De servo arbitrio. Zwischen dem Rechtsstaat und dem Vertrauen können keine Brücken mehr gebaut werden. Perdu; Bundesrepublik Deutschland. Noch wichtiger aber ist, dass keine Brücken mehr gebaut werden dürfen. Das ist schwer zu verstehen. Darüber muss behutsam aufgeklärt werden. Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden.

Was seit 1945 anders geworden ist, dass die Stimmen nur noch schwer unterdrückt werden können. Technisch können sie das für eine Weile. Aber anders als das Napoleon sagte, dass sein Code Civil ewiglich dauern wird lebt dieser Text ewiglich. Napoleon kann seine letzte Niederlage nicht erleben; er ist tot. Auch den Tod seines Geistes, der noch in der Trinität des Glaubens ausgemacht werden kann, kann er nicht erleben. Die Enkel werden es erleben. Weil sein Code Civil, der allen bürgerlichen Gesetzbücher Grundlage ist, besiegt werden muss. Die Erde, die sie unter diesem Code verbrennen und der ihre Reichtümer und die schreckliche Armut in die Welt gebracht hat. muss befreit werden.

Jean Ziegler schreibt von einer kannibalischen Weltordnung. Man müsse nur die verfassungsmäßigen Rechte in die Hand nehmen und die kannibalische Weltordnung würde enden. Er irrt.

Der Weg des Vertrauens muss gegangen werden und erst wenn das Vertrauen in eine politische Verfassung geschrieben ist und unter dem Schutz des Staates steht, wird der Prozess enden. Dieser Prozess ist eine Botschaft des Nazareners; der hat mit dem Christus des Paulus nichts zu tun.

Posted by Michael Schwegler at 5:46
Edited on: Mittwoch, 06 Mai, 2020 11:35
Categories: Der einfache Mensch

Dienstag, 03 März, 2020

Jewgeni Bronislawowitsch Paschukanis;

musste sterben, wurde erschossen wie ein Hund von den Sowjets. Er fiel den Mächtigen auf weil er sagte, dass im Kommunismus der Staat absterben werde. Jewgeni war Lehrer. Kein richtiger Lehrer wie wir einen Lehrer heute erwarten würden. Er lehrte mit rechtswissenschaftlich verständlichen Texten, die einen anderen Zugang zur Rechtswissenschaft anbieten und dem Leser zeigen, dass hinter jedem Recht menschliche Interessen stehen und die Menschen, mit denen die Interessen im Einklang stehen, nicht wir sind. Er hatte in München studiert. Lange Zeit arbeitete er für die Sowjets. Diesen eilte er wie auch den übrigen Rechtswissenschaftlern mit seinen Überlegungen zum Recht weit voraus. Der freie Wille des Menschen bestimmte sein Denken. Anders als bei Erasmus von Rotterdam lag dem freien Willen aber nicht die Entscheidung für oder gegen Gott zugrunde, sondern die Entscheidung für oder gegen eine Gesellschaft der Freien und Gleichen. In dieser Gesellschaft müsse der Staat absterben, weil jeder Staat letztlich immer ein Zwangssystem darstellt, der den freien Willen unterdrücken muss, um sich selber rechtfertigen zu können.

Er hatte bei Karl Marx gelesen und erkannte auch, wie Karl Marx das schon geschrieben hat, dass die Waren sich nicht allein zum Markt tragen können, auf dem sich die Menschen treffen. Dort müssen sie sich treffen seitdem sie lernen mussten, dass überall jetzt arbeitsteilig gearbeitet wird. Das wollten die Menschen nicht, das wollten ihre Herren. Dazu wurden sie in den Fabriken und Kolchosen abgerichtet: Das Ideal eines Menschen ist für die Fabrikherren wie für die früheren Sowjets der arbeitsteilige Krüppel. Mit dem durch die strikte Arbeitsteilung notwendig gewordenen Markt und dem Austauch von Geld gegen Waren auf dem Markt gehen die Menschen als Konsumenten einerseits und Produzenten andererseits jetzt ständig gesellschaftliche Verhältnisse miteinander ein, die für Paschukanis die Grundlage eines künftigen modernen Rechts darstellten sollten: Die Verkehrsformen der Menschen untereinander sollten an der durch Menschen entfremdeten Natur entwickelt werden.

Jewgenis Lehren galten natürlich als Häresie in der Sowjetunion und als es auch dort mit Stalin zum Schwur kam, dass die staatssozialistische Ideologie der "Diktatur des Proletariats" bewahrt werden müsse, war er im Weg. Jewgeni hatte einen freien Willen. Die Diktatur des Proletariats aber schließt diesen kategorisch aus und folgt einem geknechteten Willen, der im "De servo arbitrio" des Paulus und Luthers Dogma des Glaubens an eine Befreiung des Menschen ist.

Wie das bestehende Recht einer Idee folgt so natürlich erst recht eine Ideologie, die in der leninschen Form so gar nichts mehr mit der marxschen Idee zu tun hatte. Von Marx hatte Paschukanis die Vision vom Ableben des Staates übernommen und diese juristisch begründet. Das sehen noch heute viele Menschen anders und verhindern als Sozialisten mit eiserner Hand, dass die Verhältnisse sich ändern. Franz Jägerstetter und Jewgeni Bronislawowitsch Paschukanis hätten sich gut verstanden; beide waren einfache Menschen, sehr intelligent und zeigten, ohne dass sie das wissen konnten, in eine herrenlose Zukunft. Deshalb mussten sie sterben; das erträgt kein irdischer Herr.

Franz übernahm hier den Part der Idee, Jewgeni den Part der Praxis. Von beiden müssen wir lernen wenn wir am Humanismus festhalten wollen: Dass wir eher bereit sind, auch ihrem Weg zu folgen, den sie gehen mussten.

Jewgeni revidierte seine eigene Lehre wie Galileo Galilei 300 Jahre zuvor das tat. Er widerrief, dass es kein proletarisches oder sozialistisches Recht geben könne und dass beide genau so verkommen wären wie das bürgerliche Recht verkommen ist: Der sowjetische Kommunismus, den er erlebte, war den Scheiterhaufen nicht wert. Es half ihm aber nichts mehr. Eine Ideologie steht immer über dem Recht, wie das der Faschismus überall gezeigt hat. Paschukanis wurde erschossen: Am 4. September 1937 fällte ein Militärkollegium beim Obersten Gerichtshof der UdSSR in einem Schnellverfahren das Urteil: Tod durch Erschießen. Das Urteil wurde sofort vollstreckt.

Auch Paschukanis Übersetzer wurde erschossen. Der konnte das Verfahren noch nicht einmal verstehen, er übersetzte doch nur. Er musste sterben, wie viele Menschen sterben müssen, die einfältig sind und glauben, dass sie einer guten Sache dienen. Wie die Mitläufer des Paulus so erfuhren das die Mitläufer Wladimir Iljitsch Uljanow, den sie Lenin nannten. Es sind nie Ideen, die das Leben der Menschen langfristig verbessern, es sind Lehren, die keinesfalls auf das eigene Ich zeigen dürfen. Dann aber müssen wir wieder über diesen Matthäus und Lukas reden, wenn wir künftig besser leben wollen.

Posted by Michael Schwegler at 8:10
Edited on: Samstag, 23 Mai, 2020 19:50
Categories: Der einfache Mensch

Montag, 24 Februar, 2020

Jeder kann zum Mörder werden.

Diese These bildet den Ausgangspunkt des Dokumentarfilm „Das radikal Böse“. Das mag als Grundlage für einen geistigen Pluralismus gelten, den nicht nur der Soziologe Ralf Dahrendorf nach dem schrecklichen letzten Krieg verkündete: Ein geistiger Pluralismus ist aber nie wahr gewesen und verhöhnt nicht nur den Franz Jägerstetter: Der geistige Pluralismus wurzelte schon immer im protestantischen Glauben. Er gestattete, dass der Teufel mit Christus auf die Welt kam und Christus deshalb für die Menschen gestorben ist. Christus muss die Menschen verachtet haben, sonst hätte er das nicht getan. Er hat ihre Schuld auf sich genommen und damit konnte schon immer jeder zum Mörder werden.

Der Oscar-Preisträger („Die Fälscher“) beschäftigte sich mit den Mördern: „Jungen Männern, die in ihren deutschen Uniformen im Zweiten Weltkrieg Tausende Zivilisten erschossen haben, und das scheinbar ohne Reue und ohne Gewissen. [..] Das radikal Böse verdichtet die Tagebucheinträge und Briefe von Soldaten zu einer beklemmenden Montage.“

Für den Regisseur Stefan Ruzowitzky war es „gut nachvollziehbar“, wie die Menschen damals in diese Sache hineingerieten, wie die Anfänge, die ersten Schritte dahin passiert sind. „Man ist in einer Gruppe, in der man nicht nach moralisch-ethischen Grundsätzen handelt, sondern als Mitläufer dabei ist, der nicht blöd auffallen will. Man will kein Kameradenschwein sein. Diese ganzen kleinlichen Gründe, die einem in der Situation wichtiger sind als eine mutige, moralische Entscheidung zu treffen. Da stehe ich sicherlich nicht drüber, gerade in so einer Situation. Aber wo das dann hinführt, gerade, was zum Beispiel das Töten von Kindern betrifft, ist schwer nachvollziehbar. Ab dem Moment, als ich selbst Kinder hatte, hatte ich etwa Probleme damit, mir Filmszenen anzusehen, in denen Kinder getötet werden. Weil ich da zu nahe dran bin und es die ultimative Horrorvorstellung ist, dass deinen Kindern etwas passiert. Damals waren die Täter oft liebende Väter, die nach Hause schreiben, dass ihnen ihre eigenen Kinder so unglaublich wichtig sind und sie gerade deshalb jetzt die Kinder hier erschießen. Da schießt ein Soldat aus zwei Metern Entfernung einem Kleinkind eine Kugel in den Kopf – das ist etwas, wo ich nicht mehr mitkomme und wo für mich auch psychologische Modelle versagen. Mein Interviewpartner Dave Grossman sagt einmal im Film: Du kommst in einen Teufelskreis, denn sobald du einmal etwas Schreckliches gemacht hast, musst du dir einreden: Die haben’s verdient, die sind wirklich Untermenschen und eine Gefahr für mich, für meine Familie, für mein Land. Gerade deswegen muss ich jetzt mit dem Töten weitermachen, um zu bestätigen, dass das kein Versehen war. Man unterzieht sich da selbst einer Gehirnwäsche, um sich nicht damit zu konfrontieren, dass man an einem Massenmord beteiligt war.“ (vgl. https://www.welt.de/kultur/kino/article124056600/Niemand-musste-bei-Erschiessungen-mitmachen.html)

Er weiß scheinbar nicht was er da sagt. Er hätte es wissen können. Selbst ein Kind weiß es wenn mit dem Kind wahrhaft gespielt wird: Ohne Kompass bist du auf einem Meer hoffnungslos verloren wenn kein Himmel über dir ist, wenn die Sterne die Richtung nicht anzeigen, in die jetzt das Schiff gelenkt werden muss: Wir sind verloren, wohin sollen wir jetzt segeln? Jedes Kind wird nachdenken, die entwickelte Ratio anstrengen und Vorschläge machen: Das Kind lernt. Er beschäftigte sich mit den Kindern nur auf eine romantisch sentimentale Art, die heute überall den Kindern angeboten und massenhaft konsumiert wird. So verkehrt sich das (vermutete) anständige Ansinnen des Filmemachers direkt in das Gegenteil: „Das radikal Böse“ wird Anleitung für einfache Menschen, die sich dem geistigen Pluralismus der Postmoderne anschließen und nie einen Kompass in die Hand nehmen, weil ihr Individualismus als Kompass allein taugen soll.

De servo arbitrio: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht (vgl. Röm 6.15-23). Aus dieser Knechtschaft kann nur Christus zur wahren Freiheit befreien (vgl. Gal 5,1.13). Dafür also ist Christus für uns gestorben.

Wenn das der Nazarener gewusst hätte und was hätten Lukas und Matthäus dazu geschrieben? Trotzdem trägt Stefan Ruzowitzky zur Aufklärung bei, wenn er in seiner Dokumentation dann doch noch zum Erasmus kommt und vom „De libero arbitrio“ berichtet: „Man musste nicht an den Erschießungen teilnehmen. Das ist womöglich der schrecklichste Teil dieser Geschichte: Die Verweigerer berichteten, dass sie eine Rüge bekamen, und einer hatte das Gefühl, er wäre bei einer Beförderung übergangen worden oder bekam weniger Freizeit. Das war der Preis, den man dafür zahlen musste, nicht täglich Frauen und Kinder zu erschießen.“

„Die Verweigerer berichteten...“; es gab sie also und solange der Matthäus und der Lukas lebt gibt es sie weltweit. Wir müssen diese Verweigerer im Wissen um das sich wandelnde Klima, das infolge der ungebremsten Verbrennung der Rohstoffe, der Ausbeutung seltener Erden und der jährlich mit stetigen Wachstumsraten durchgeführten Warenproduktion, jetzt zusammenführen. Der Wohlstand, den Evangelikale und bekennende Staatsbürger behaupten, ist ihr Wohlstand und unser zunehmendes Elend. Wir müssen aus der individuellen Isolation heraus und dürfen die Gemeinden nicht mehr dem Paulus überlassen. Die Gesellschaft darf ihnen nicht kampflos überlassen werden. Bei Wahlen müssen wir aufklären bevor die Menschen unbedacht ihr Kreuz setzen. Das Kreuz auf den Gotteshäusern darf bleiben und an ihn erinnern, der von Pontius Pilatus zum Tode verurteilt und gekreuzigt wurde. Er wurde zum Tode verurteilt, weil er die Gesetze der Juden nicht beachtete und nicht, weil er die Schuld anderer auf sich nehmen wollte; die müssen ihr Kreuz selber tragen.

In der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloi, Eloi, lema sabachtani! Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Die Evangelisten berichten das und deshalb wissen wir, dass Jesus in seiner letzten Stunde Gott suchte. Wir wissen nicht, warum Gott ihn, seinen Sohn, verlassen hat.

Wie ihn hat Gott auch die Kinder des Janusz Korczak und auch die Kinder in Auschwitz verlassen; nicht nur die Kinder, alle hat er verlassen. Wir wissen auch nicht warum Gott in größter Not die Menschen oft alleine lässt. Wir wissen nur, dass viele Menschen, die er alleine gelassen hat auf dem Weg zu ihm waren. Der Grund wird deshalb im Diesseits und nicht im Jenseits zu finden sein. Matthäus und Lukas haben von ihm berichtet und das, von dem sie berichten, ist nicht einfach zu leben. Es zeigt auf ein anderes Leben, das wir im Diesseits meist nicht führen. Deshalb sollten wir zumindest uns gemeinsam um die Richtung kümmern, in die gegangen werden muss wenn wir ihn finden wollen. Wenn wir in diese Richtung gehen kann keiner zum Mörder werden. Jedenfalls dann nicht, wenn wir wahrhaft in die Richtung gehen, in die dieser Jesus, der auch Nazarener genannt wurde, gegangen ist. Hütet euch vor der Richtung, die Paulus mit seinem Christus gegangen ist. Er kämpft seit Jahrtausenden auf der anderen Seite, die wir immer meiden sollten: De libero arbitrio.

Posted by Michael Schwegler at 17:23
Edited on: Donnerstag, 27 Februar, 2020 7:01
Categories: Der einfache Mensch

Sonntag, 16 Februar, 2020

Unterschreibe, und Du bist frei:

"Ich bin frei", antwortete Franz Jägerstetter. Er unterschrieb nicht.

Am 9. August 1943 wurde Franz Jägerstätter in Brandenburg-Görden unter das Fallbeil gelegt. 343 Jahre nach Giordano Bruno hat sich nichts geändert. Der Protestantismus lebt.

Der amerikanische Regisseur Terrence Malick erzählt seine Geschichte in "A hidden life". Er erzählt sie romantisch, die im Jahr 1971 in einem halbdokumentarischen Film noch anders erzählt wird. Die Zeiten haben sich geändert.

Das Team um Terrence Malick weicht vielleicht nur einmal von den ihnen vorliegenden Dokumenten ab, die allein besser das Wesentliche verständlich gemacht hätten. Aber das ist fast immer so wenn Geschichten uns romantisch und in erster Linie unterhalten sollen. Zu Beginn seines Films erklärt er den Zuschauern, dass Franz Jägerstetter dem 1. Gebot, "Du sollst keine Götter neben mir haben", gefolgt sei. Das ist aber nicht wahr, das kann man bei ihm nicht lesen. Wer das erzählt wird Gründe haben, das so zu erzählen. Es kommt aber einer Blasphemie gleich; der Gott des Franz Jägerstetter war anders. Sein Gott hätte sich mit den Göttern der indigenen Völkern Nordamerikas, der "Hopitu shinumu", der "friedlichen Leute", verstanden. Die gab es zwar längst nicht mehr, aber wer den einfachen Bauer und Messdiener Franz verstanden hat weiß das.

Der Gott von Franz Jägerstetter ist der Gott der Katholiken, wie ihn Erasmus von Rottedamm gelehrt hat: De libero arbitrio. Franz Jägerstetter schreibt "... besser die Hände als der Wille gefesselt...". Franz Jägerstätter war ein einfacher Mensch. Er kannte die Menschen in seinem Dorf, hatte die Volksschule besucht und konnte seine eigenen Gedanken niederschreiben. Er kannte auch die Texte, die in der Bibel standen, und diese Texte waren für ihn Richtung, in die gegangen werden sollte. Er verurteilte niemand, der anders gegangen ist: Er konnte für andere nicht entscheiden, er konnte nur für sich entscheiden. Eine andere Richtung schloss er für sich aus. Er kannte die andere Richtung wohl und erzählte deshalb von seinem Traum: Diesem Zug, der auf Schienen raste und um den massenhaft Menschen standen, die unbedingt in den Zug einsteigen wollten. Der Traum war irreal wie das Träume immer sind. Franz Jägerstätter ängstigte sich obwohl diese Menschen, die in diesen Zug einsteigen wollten, gar nicht einsteigen konnten: Der Zug raste doch. Er wusste aber wohin er raste; in die Hölle.

Mit diesem Traum hat sich das Team um Terrence Malick nur symbolisch gekümmert obwohl er inhaltlich dokumentiert ist. Er wurde im Jahr 1971 noch ausführlich erzählt und das unterscheidet die beiden Erzählungen vorneinander. Die Zeiten haben sich geändert.

Das Team um Terrence Malick unterscheidet sich auch von dem halbdokumentarischen Film durch eine herausragende Filmmusik; man ist ergriffen. Nur das "Agnus Dei" zeigt wieder in eine ganz andere Richtung wie der romantische Film insgesamt, in die Franz Jägerstätter aber gerade nicht gegangen ist. „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ (Johannesevangelium). Er wusste, dass der Weg zu Gott über das wirkliche Leben führt. Das ertragen die Anderen heute nicht mehr. Alles darf heute gesagt, gezeigt, gehört werden; alles. Nur nicht das wirkliche Leben. Das ist anders. Das konkrete Leben eines wirklichen Katholiken wäre heute ketzerisch und würde unweigerlich in Konflikt mit geltenden Gesetzen führen.

Posted by Michael Schwegler at 10:01
Edited on: Dienstag, 18 Februar, 2020 8:59
Categories: Der einfache Mensch

Donnerstag, 13 Februar, 2020

Alle Tränen sind salzig…….

In Europa können wir die Straße der Tränen mit einem Datum um den 5. August 1942 benennen. Auch in Amerika hat die Straße der Tränen ein Datum. Am 6. Juni 1838 begann die Deportation.

Die Mächtigen verzichteten auf Rechtsstaatlichkeit und tun das noch heute, wenn ihr System in Frage gestellt wird. Wir müssen das Recht ändern und die Rechtsstaatlichkeit verteidigen. Wir müssen das und nicht der Staat.

Die Verträge, die alle unterzeichnet werden müssen, weil das ihr Vertragsrecht so verlangt und damit anders ist als vormals das göttliche Recht, das nie das Recht eines Gottes war, weil es ihn nicht gibt, aber zu dem wir finden können und Matthäus und Lukas auch nur die Richtung anzeigen, in die gegangen werden muss, wenn wir wenigstens seine Natur schauen wollen: Auch ein Hund hätte mit seiner Pfote die Deportation der Cherokee unterzeichnen können. Allein die Form war zu wahren.

Dieser Satz war lang, ich weiß, aber er muss gelesen werden sonst sind wir verloren.

Posted by Michael Schwegler at 10:07
Edited on: Freitag, 15 Mai, 2020 18:32
Categories: Der einfache Mensch

Dienstag, 21 Januar, 2020

Omnia sunt communia

Alles gehört allen, das Recht müsse neu geregelt werden; so sagte das Thomas Müntzer.

Aber hier irrt Thomas Müntzer. Wie Luther trug er den Bazillus auch in sich und dieser befiel mit der Pest des Protestantismus die Bauern und Handwerker.

Nicht alles gehört allen, darüber zu streiten wäre töricht. Die Bedürfnisse des Menschen müssen wieder einem freien Willen zugeführt werden. Deshalb führt die Werbung immer weg von der Natur und entfremdet den Menschen. Wenn der Einzelne das nicht weiß, darf er sich nicht wundern wenn ihm die Natur insgesamt völlig fremd wird; dann aber ist es zu spät. Allen gehört dann die entfremdete Natur, die während seiner Gewissenlosigkeit ausgebildet wurde von den Anderen, die ihn dafür mit Brot und Spielen unterhielten und einem Fernsehen, das sie an Umfang derart ausweiteten, dass selbst der Dümmste nicht verstehen kann, wer das denn noch sehen kann. Jetzt, wenn alle ihm sagen, dass da was passiert sei wird er mit der Frage konfrontiert ob ein ungebremster CO2-Anstieg am Ende gar nicht mehr verhindern werden kann. Während den Zeiten davor schwor er auf den Konsumismus so wie Müntzer auf den Wahn eines Sieges David gegen Goliath schwor; damals bei den Bauern und Handwerkern, so dass dieser Glaube sich ausbreiten konnte. Damals mussten viele durch diese Pest des Protetantismus ihr Leben lassen. Jetzt sitzt er da, der Mensch, handelt aber nicht; dafür sei es noch zu früh man wisse ja auch nicht genau.

Die Gefahr besteht auch jetzt schon, dass künftig immer mehr Menschen, die wegen den klimatischen Veränderungen in die verbliebenen Gebiete auf diesem Planeten flüchten, in denen noch ohne Not gelebt werden kann, ihr Leben lassen müssen; im Mittelmeer oder durch die Waffen der Söldnerheere.

In diesem Sinne war Thomas Müntzer ein Revolutionär: Er wollte das Gute und erntete das Böse. Das Gute war ganz anders als das, was Luther für gut hielt; er drehte den Altar und wandet sich von Angesicht zu Angesicht den Menschen zu, was Luther von ihm abschaute. Er predigte nicht nur von den Unterdrückten und Entrechteten, von der Mühsal der Beladenen; er lebte unter ihnen. Aber er vertraute ebenfalls wie Luther nur auf den Geist Gottes anstatt auf das Leben. Der freie Wille des Menschen erfährt durch die Maxime, dass es besser ist in bitterster Armut zu leben als sich vor dem Herrn zu beugen den edelsten Ausdruck. Das hat mit allen Anderen, die um einen herum sind nichts zu tun; es geht um den eigenen Willen. Den predigten übrigens beide nicht.

Posted by Michael Schwegler at 14:51
Edited on: Montag, 10 Februar, 2020 19:24
Categories: Der einfache Mensch

Montag, 13 Januar, 2020

Jean-Jacques Rousseau, Du Contrat Social, Buch 4, Kap. 8

"Wer zu sagen wagt, “außerhalb der Kirche gibt es kein Heil”, muß aus dem Staat verjagt werden."

Ich wage es. Ich denke an den Katholizismus und keinesfalls an die katholische Amtskirche. An die Kirche, von der auch Erasmus von Rotterdam überzeugt war, dass an ihr trotz der Übel und den allerwiderwärtigsten Verbrechen, die vom Pontifex der katholischen Kirche zu verantworten sind, festgehalten werden muss; weltumspannend: Mit Spinozas „Deus sive Natura“ haben wir gar keine andere Wahl wenn diese Erde, die auf wunderbare geheimnisvolle Weise geschaffen wurde, erhalten werden soll: Wer nimmt uns das Recht diese Heilsbotschaft zu erfahren nachdem wir auf diese Welt gekommen sind?

Mit dieser Heilsbotschaft können wir die Jahre, in denen wir auf dieser Erde leben, in wahrem Humanismus leben; wenn wir stark genug sind und uns vor ihm nicht fürchten: Vor diesem Staat, von dem Nietzsche so treffend berichtet hat:

„Irgendwo gibt es noch Völker und Herden, doch nicht bei uns, meine Brüder: da gibt es Staaten. Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt tut mir die Ohren auf, denn jetzt sage ich euch mein Wort vom Tode der Völker. Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: »Ich, der Staat, bin das Volk.« Lüge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben. Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für Viele und heißen sie Staat: sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin. Wo es noch Volk gibt, da versteht es den Staat nicht und hasst ihn als bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten. Dieses Zeichen gebe ich euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in Sitten und Rechten. Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt – und was er auch hat, gestohlen hat er's. Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beißt er, der Bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide. Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich euch als Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen! Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes! Viel zu Viele werden geboren: für die Überflüssigen ward der Staat erfunden! Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zu-Vielen! Wie er sie schlingt und kaut und wiederkäut! »Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der ordnende Finger bin ich Gottes« – also brüllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und Kurzgeäugte sinken auf die Knie! Ach, auch in euch, ihr großen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen! Ach, er errät die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden! Ja, auch euch errät er, ihr Besieger des alten Gottes! Müde wurdet ihr im Kampfe, und nun dient eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen! Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze! Gerne sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, – das kalte Untier! Alles will er euch geben, wenn ihr ihn anbetet, der neue Götze: also kauft er sich den Glanz eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen. Ködern will er mit euch die Viel-zu-Vielen! Ja, ein Höllenkunststück ward da erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher Ehren! Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes! Staat nenne ich's, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord Aller – »das Leben« heisst. Seht mir doch diese Überflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl – und Alles wird ihnen zu Krankheit und Ungemach! Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich nicht einmal verdauen. Seht mir doch diese Überflüssigen! Reichtümer erwerben sie und werden ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld, – diese Unvermögenden! Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern über einander hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe. Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es, – als ob das Glück auf dem Throne sässe! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron – und oft auch der Thron auf dem Schlamme. Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und Überheiße. Übel riecht mir ihr Götze, das kalte Untier: übel riechen sie mir alle zusammen, diese Götzendiener. Meine Brüder, wollt ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und Begierden! Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in's Freie! Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der Götzendienerei der Überflüssigen! Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe dieser Menschenopfer! Frei steht großen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht. Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armut!Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das Lied des Notwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise. Dort, wo der Staat aufhört, – so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Übermenschen? – Also sprach Zarathustra.“

Wagt er es zu sagen, dass wir Nietzsche nicht lesen und statt dessen uns seinem volonté général unterwerfen sollen? Dieser hat uns Auschwitz beschert!

Im Führerstaat der westlichen Wertegemeinschaft, den Vereinigten Staaten von Amerika, morden sie wie anderswo auch. Sie haben dort zwar immer schon gemordet, das aber sollte nicht so offen bekannt werden. Es wurde bekannt. Diejenigen, die es nicht nur bekannt gemacht und trotz der Gefahr um ihr Leben dokumentiert und belegt haben, werden strafverfolgt. Sie hätten Geheimnisse des Staates verraten. Aber nicht erst seit Nietzsche könnten wir wissen, dass das keine Geheimnisse sind. Er mordet überall und schon immer: In Nord und Süd, Ost und West, mit diesem Ding ist kein Auskommen nur Tod, wenn man sich ihm nicht unterwirft und ihn anbetet.

Wir dürfen uns vor dem Staat nicht wieder fürchten. Er ist längst übermächtig und wird uns zerdrücken wie eine Wanze, wie Luther schon den Erasmus zerdrücken wollte. Das müssen wir alles begreifen. Wenn wir das begriffen haben würden wir die Gesetze ändern.

Hinter dem Staat verbergen sich die Führer der Staaten. Die sorgen dafür, dass wir das nicht begreifen, denn die Einkommen und die Sicherheit dieser Sichsorgenden hängen davon ab. Deshalb haben sie diese Wertegemeinschaft um sich geschart, die aus den Sichsorgenden besteht; da fühlen sie sich sicher. Sie handeln natürlich nie mit eigenen Namen, sie handeln und sorgen sich im Namen des Volkes. So steht es in den bürgerlichen Gesetzbüchern, dort schreiben sie das immer ab und befehlen, damit sie weiter darin abschreiben können. Keiner soll ein anderes Gesetzbuch haben! Unsere Brüder und Schwestern, die sich bereit erklären, ihre Befehle auszuführen darf man nicht Mörder*innen nennen; das haben sie auch in das Bürgerliches Gesetzbuch geschrieben und sagen unseren Brüdern und Schwestern, die gemordet haben, dass sie keine Mörder*innen sind. So einfach ist das.

Wagen sie es also? Wir dürfen uns, auch wenn die Gesetze sich nicht ändern, aber nicht fürchten. Und wenn er kommt und er es wagt, sollten wir ihn, wenn er uns mordet, keines Wortes würdigen. Das sind wir den Toten von Auschwitz schuldig.

Ob Julian Assange die USA eines Wortes noch würdigt wissen wir nicht. Er ist noch ein lebendiger Beleg, dass Nietzsche das sehr genau geschrieben hat; vergesset seine Worte nicht. Julian Assange ist nur einer von Vielen, die meist namenlos leiden; keiner kümmert sich um ihre Namen. Egal ob einer oder Millionen, nie dürfen bei Leiden von Menschen Zahlen eine Rolle spielen.

Posted by Michael Schwegler at 16:46
Edited on: Freitag, 31 Januar, 2020 7:14
Categories: Der einfache Mensch

Mittwoch, 08 Januar, 2020

"Nicht jeder ist ein Schuft"

das hat Janusz Korczak ihm gesagt, als er versucht hat ihn davon abzuhalten, dass er die Kinder bis in den Tod begleitet, die gar nicht seine eigenen Kinder waren. Stefania Wilcynska war auch dabei als er das Haus mit den Kindern verließ. Sie war auch nicht die Mutter der Kinder und wir sollten die Geschehnisse im August 1942 nie vergessen. Wir wissen nicht, ob auch sie das Recht gehabt hätte zu bleiben. Dieses Recht spielte für sie auch keine Rolle; auch sie war sich sicher, dass sie sterben wird als sie das Haus verließ. Beide starben für die Hoffnung, dass das Menschliche irgendwann aus dem Janusgesicht des Bürgerlichen Rechts durchbrechen wird für ein Ziel, das nie das Ziel der Anderen war: Ein Humanismus der Tat, des Lebens und nicht des Geistes, den die Anderen gern auf ihrem Haupt tragen. So sitzen wir heute zusammen als einfache Menschen, die wir noch sein dürfen. Das Gesicht des Bürgerlichen Rechts hat einen Namen: Napoleon Bonaparte; mit Bajonetten und Kanonen hat er sein Gesicht ab dem Jahr 1804 in Europa verbreitet. Nur die englische Insel erreichte sein Gesicht nicht. Aber auch dort hat sich inzwischen auf anderem Wege ein ähnliches Gesicht eingeprägt und diese Vorlagen dienen längst als feste Form für die Charaktermasken, da scheint kein Durchbrechen mehr möglich. Auch wir leben heute unter diesen Charaktermasken, die uns in den bürgerlich verfassten Gesellschaften von Geburt an aufgelegt und in all den Lebensjahren ständig angepasst wird. Mit allen Mitteln werden die Masken Jahr für Jahr beschichtet damit sie hart genug werden. Immer früher und öfters geschieht das. Korczaks Pädagogik der Achtung darf da nicht gelehrt werden, die verträgt sich nicht mit diesen Masken. Wenn aber nicht die erste Schicht gut geformt ist sitzen die späteren nie wieder ordentlich. Die Eltern müssen sich früh entscheiden. Was sollen sie tun? Die fremdbestimmte Arbeit, auf die irgendwann ihre Kinder angewiesen sind, kann niemals mit der Achtung und Würde des Menschen versöhnt werden. Klar, sie behaupten das anders und haben zumindest die Würde des Menschen sogar in ihr Grundgesetz geschrieben. Dort steht es gut, das macht dort aber nichts. Deshalb müssen die Kinder von Anfang an besser erzogen werden. Es mag noch Menschen geben, die es mit der Achtung schon bei den Kindern versuchen; sie werden meist als anthroposophische Sekten abgetan und sind selten unter uns. Sie sind ausgegrenzt, besuchen eigene Kindergärten und Schulen. Solange sie sozial nicht wirksam werden duldet man sie. Aber auch sie tragen Charaktermasken. Auffällig an ihnen ist nur, dass sie oft an ihren Masken kratzen, was ein klares Zeichen dafür ist, dass diese nicht ordentlich sitzen; ablegen wollen sie ihre Maske aber nicht. So ganz menschlich und ungeschützt lauern dann doch überall Gefahren, denen geht man besser aus dem Weg. Immerhin schützt diese Maske vor der sozialen Kälte, die trotz Klimawandels sich immer mehr ausbreitet; dafür sorgt das Recht.
Kein Schuft sein fällt leicht wenn man auf die Vielen um sich herum zeigt, die auch nicht zu den Schuften gehören wollen. Alle sagen, dass sie gut sein wollen, doch ein solches Wollen allein genügt nicht, denn sie lassen keinen Zweifel daran, dass ihr Wollen im Bürgerlichen Recht seine klaren Grenzen hat. Hier werde das Gute definiert und jeder könne erkennen wer Schuft und wer keiner ist. Eine Begegnung mit Janusz Korczak und Stefania Wilcynska halten sie deshalb nicht aus. In seinen Augen spiegelt sich nicht nur wegen seiner Brille, die er immer trug, um besser sehen zu können, der Schuft im Menschen, der allein im Recht das Maß seines Handelns setzt. Wer die Protokolle der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 studiert kann erkennen, dass die Juristen jeden Schritt der Juden in die Gaskammern mit dem Verwaltungsrecht in Einklang brachten; darin waren die Deutschen meisterhaft. Sie haben das oft geübt; skrupellos. Dort in Namibia zeigten sie unter der Zustimmung der Bürger zuhause, zu was wirkliche Schufte zu leisten in der Lage sind; dort erprobten sie bereits den Völkermord und die Konzentrationslager. Sie bestanden auf den empirischen Befund der Tauglichkeit der Lager, dort erforschten sie die Rassen und schufen wiederum die empirischen Grundlagen ihrer Rasengesetze, denen sie gerne auch zum Ergebnis verhalfen und die sie nahtlos in ihr Bürgerliches Gesetzbuch einpflegten. Mit ihren Charaktermasken unterhielten sie sich mit den Charaktermasken draußen, die außerhalb ihres Standes ihre Zeitungen lasen. Der Neger sei eben ein Neger, der kann nichts dafür. Hannah Arendt schrieb nicht ohne Grund von der Banalität des Bösen.

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Posted by Michael Schwegler at 10:19
Edited on: Donnerstag, 30 Januar, 2020 22:10
Categories: Der einfache Mensch

Dienstag, 31 Dezember, 2019

Ich bin nicht allein. Es werde..

Wie wäre es, für eine Weile zu fantasieren? Wie wäre es, den Blick über die Niedertracht hinweg schweifen zu lassen, um eine andere mögliche Welt vorherzusehen?

In der die Luft sauber ist von allem Gift, das nicht menschlichen Ängsten und menschlichen Leidenschaften entstammt;

in deren Straßen die Autos von Hunden zerquetscht werden; in der die Leute nicht mehr von Automobilen gelenkt, noch von Computern programmiert, noch vom Supermarkt gekauft und auch nicht vom Fernsehen betrachtet werden.

Der Fernseher wird nicht mehr das wichtigste Mitglied der Familie sein, er wird fortan wie das Bügeleisen oder die Waschmaschine behandelt.

In die Strafgesetzbücher wird das Delikt der Dummheit aufgenommen, dessen sich jene schuldig machen, die leben, um zu haben oder zu verdienen, anstatt um des Lebens willen zu leben; so wie ein Vogel singt, ohne vom Gesang zu ahnen, und wie ein Kind spielt, ohne vom Spiel zu wissen.

In keinem Land werden mehr junge Männer zu Gefangenen, weil sie sich dem Wehrdienst verweigern, sondern diejenigen, die ihn anstreben.

Niemand wird mehr leben, um zu arbeiten, sondern alle werden arbeiten, um zu leben.

Die Ökonomen werden nicht mehr vom Lebensstandard sprechen, wenn sie die Konsumquote meinen, noch werden sie die Menge des Besitzes Lebensstandard nennen.

Die Köche werden nicht mehr glauben, dass es den Langusten gefällt, lebend gekocht zu werden;

die Historiker werden nicht mehr glauben, dass es den Ländern gefällt, Ziel von Invasionen zu werden;

die Politiker werden nicht mehr glauben, dass es den Armen gefällt, Versprechungen zu schlucken;

die Erhabenheit wird nicht mehr glauben, eine Tugend zu sein und niemand wird jemals mehr jemanden ernst nehmen, der nicht fähig ist, sich selbst nicht ernst zu nehmen.

Der Tod und das Geld werden ihre magischen Kräfte verlieren und es wird weder einen Todesfall noch Glück brauchen, um einen Schurken zu einem ehrenhaften Mann zu machen.

Das Essen wird keine Ware sein, noch die Kommunikation ein Geschäft, weil Essen und Kommunikation Menschenrechte sein werden.

Niemand wird mehr Hungers sterben, weil niemand mehr sterben wird, weil ihm etwas auf den Magen geschlagen ist.

Die Kinder in den Straßen werden nicht mehr wie Abfall behandelt werden, weil es keine Straßenkinder mehr geben wird;

die Reichenkinder werden nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst werden, weil es keine reichen Kinder geben wird.

Die Bildung wird nicht mehr das Privileg jener sein, die für sie bezahlen können und die Polizei wird nicht mehr der Fluch derjenigen sein, die sie nicht schmieren können.

Die Justiz und die Freiheit, zum getrennten Leben verdammte siamesische Zwillinge, werden wieder zusammenfinden, eng verbunden, Rücken an Rücken.

In Argentinien werden die verrückten Frauen der Plaza de Mayo zum Beispiel geistiger Gesundheit, weil sie sich in Zeiten der erzwungenen Amnestie zu vergessen geweigert haben.

Die Heilige Mutter Kirche wird die Fehler auf den Tafeln Moses’ korrigieren und das sechste Gebot wird fortan dazu auffordern, den Körper zu feiern;

die Kirche wird auch ein weiteres Gebot erlassen, das Gott einst entfallen ist: "Du sollst die Natur lieben, derer Du Teil bist."

Die Wüsten der Erde werden aufgeforstet werden wie auch die Wüsten der Seele.

Die Fallenden werden aufgefangen und die Verlorenen gefunden, weil die einen im langen Warten den Halt und die anderen in der langen Suche sich selbst verloren haben.

Wir werden Landsleute und Zeitgenossen all jener werden, die den Willen zur Schönheit und den Willen zur Gerechtigkeit haben, wo immer sie geboren seien und wann immer sie lebten, ohne dass die Grenzen der Landkarten oder die der Zeit die geringste Bedeutung haben.

Wir werden unvollkommen sein, weil die Perfektion wie stets das langweilige Privileg der Götter sein wird; aber in dieser Welt, in dieser stümperhaften und verkorksten Welt, wird jeder fähig sein zu leben als sei er der Erste, in jeder Nacht, als sei es die Letzte.

Von Eduardo Galeano, Übersetzung: Harald Neuber, amerika21

Posted by Michael Schwegler at 8:27
Edited on: Dienstag, 31 Dezember, 2019 9:01
Categories: Der einfache Mensch

Montag, 30 Dezember, 2019

Die schreckliche Last der Bedürfnisse

wir wissen, dass es nicht die eigenen sind; der Mensch ist ein bedürfnisoffenes Wesen. Heute wissen das die Anderen nicht mehr. Die Prüfungen sind schwer; die Andere und ich haben völlig verschiedene Charaktere angenommen, an denen bei den Anderen so wenig Menschliches mehr erkannt werden kann. Wir können diese Prüfung nur meistern, wenn wir Emphatien von uns selbst einsetzen, um der hoffnunglosen Traurigkeit der Anderen abzuhelfen; anders ist der Konsum nicht zu ertragen, wir würden scheitern. Ein Humanismus darf nicht scheitern, er ist unteilbar und darf auch nicht wie das Christentum verkommen indem geteilt wird: Ihr jene, ich diese Hälfte; das Ergebnis ist stets dasselbe. Krieg. So hat es auch Rousseau gedacht, als er meinte, die Religionen überwinden zu können und sie aus dem Staat warf. Der Staat solle es fortan richten. Er richtet es, täglich, mit Feuer und Schwert. So aber hätte man auch gleich bei der Bibel bleiben können: "Ich aber sage euch."

Die Züge sind voll, Flugzeuge starten und landen in einem Takt, dass oft ein Flughafen nicht ausreicht, dem Verkehr noch Herr zu werden. Selbst die schwimmenden Hotels, die unglaublich viele Menschen in Gegenden rund um den Erdball schiffen, um dort zu bestätigen, dass er recht hatte, als er die Sprache der Haare entschlüsselte, sie sind inzwischen auch voll. Wo wollen diese Menschen alle hin? Mehr! ruft die Werbung, die wir nicht abschalten können. Darin erkennen wir diese Aporie, die uns schon ein Leben lang gehindert hat mit den Anderen in menschlichen Kontakt zu treten. Hier waren wir schon immer auf Charaktermasken angewiesen; wir mussten doch lernen uns zu Benehmen. Aber mit welchem Recht werben sie?

Ohne Charaktermasken treffen wir sie heute noch, Menschen, die in ihren Vorgärten sich um die Blumen kümmern und im Innern ihres Hauses selten einen Gegenstand verrücken; alles hat seinen Platz. Die fragen nicht wem der Platz gehört, dieses Bedürfnis haben sie nicht. Auf die Fage, ob sie inzwischen im Winter mehr als ihre Küche beheizen werden sie verlegen. Die Kinder kämen jetzt öfters und die Küche sei zu klein. Sie reisen auch nicht. An den Abenden hören sie gerne zu, wenn ihnen von anderen Gegenden berichtet wird. Grenzen überschreiten sie eh nicht, man ist hier zuhause. Im Dorf kenne man immer weniger, die jetzt hier wohnen. Früher, da trafen sie sich im Kalthaus. Pünktlich um 17 Uhr, zuletzt aber nur noch für eine Stunde, dann wurde es abgeschaltet; nicht das Kalthaus, das Licht im Innern. Jeder hat jetzt einen Kühlschrank, das sei modern. Die Bilder, die sie stickten, die Pullover, die sie strickten und auch die übrigen Handarbeiten, die mit den Kuckucksuhren im Schwarzwald sogar einen Weltruf begründeten, nichts gehe mehr. Heute sind sie die Letzten, die abends noch in den Katalogen blättern, weil das Internet zwar da, aber nicht verstanden wird. Sie wollen es nicht verstehen. Alles sei so billig geworden. Den Rest ihrer Renten verschenken sie. Wofür sie etwas kaufen sollen? Weshalb? Ich habe doch alles, und ins Wirtshaus gehen sie schon lange nicht mehr seit der Krieg vorbei ist. Früher, ja früher.

Ihre Energiebilanz ist negativ. Sie verbrauchen zu wenig. Das muss geändert werden. Es gibt ein Leben vor dem Tod und das Fernsehen.

Es war ein Naturschauspiel gestern morgen. Kurz vor 8 Uhr hat es begonnen. Blutroter ferner Horizont, davor diese eben zarte Wolkendecke, die klar an den Rändern begrenzt war um die Ausläufer der Farben, die jetzt im Winter etwas von der Morgensonne erahnen lassen wirkungsvoll in Szene zu setzen. Das war nicht bestellt. Das sehen nur Wenige. Das sehen die Anderen heute schon lange nicht mehr. Sie arbeiten um diese Zeit. Damit verdienen sie ihr Geld, um all das in Szene setzen zu können; wir leisten uns was.

Posted by Michael Schwegler at 7:19
Edited on: Montag, 30 Dezember, 2019 16:26
Categories: Der einfache Mensch

Montag, 25 November, 2019

Über Dialektik

Der Knecht setzt den Herrn voraus.

Die Antifa setzt den Faschismus voraus; zumindest wenigstens einen Faschisten.

In ihrem Gegensatz bestätigen sie sich. In ihrem Sprechen übereinander konservieren sie sich.

Das ist der Fluch der Dialektik. Sie ist in die Welt gekommen als sich der erste Mensch als privater Mensch von den anderen Menschen absonderte.

Es ist mühsam und unnötig zu fragen weshalb er sich abgesondert hat. Es ist Fakt.

Deshalb lese ich sie gerne, Michel de Montaignes Essays „Vom Schaukeln der Dinge“; sie synchronisieren mich. Der Anstoß, der Ausschlag des Pendels und seine Bewegung zurück; es oszilliert, gedämpft natürlich, weil da dieser Stoff ist, den wir zum Leben auf diesem Planeten brauchen. Wir sollten nicht eingreifen solange wir hoffen, dass das Pendel irgendwann natürlich zur Ruhe kommt.

Jeder Eingriff bedeutet Energiezufuhr, das wusste Michel de Montaignes noch nicht, und das musste er auch nicht wissen. Sein Haushalt war noch geordnet, er entbehrte nichts. „Sich des Handelns zu enthalten ist oft ebenso verdienstlich wie das Handeln, aber das fällt nicht so in die Augen; und das wenige Verdienst, das ich habe, liegt sozusagen ganz auf dieser Seite“.

Aber bedenkt auch: Es gibt zunehmend Menschen, die mit einerseits und andererseits behaupten, dialektisch daherzureden. Sie bleiben auch stets in der Mitte stehen, da pendelt nichts; und das ist ihr Erkennungsmerkmal. Vertraut ihnen nicht, sie sind diejenigen, die dafür gesorgt haben und auch in Zukunft dafür sorgen werden, dass die Welt ist wie sie ist. Sie werden auch den Klimawandel so behandeln: Einerseits - Andererseits.

Es ist das Gegenteil von Dialektik. So werden wir unseren Planeten zerstören; einerseits. Da endet dann auch Dialektik, da ist nichts mehr.

Posted by Michael Schwegler at 10:48
Edited on: Freitag, 20 Dezember, 2019 14:29
Categories: Der einfache Mensch

Donnerstag, 24 Oktober, 2019

meum esse aio,

ich behaupte, dass es mein ist.

Galt in den griechischen Stadtstaaten noch das "suum cuique", - Jedem das Seine -, weist das "meum esse aio", -ich behaupte, dass es mein ist- der Römer bereits darauf hin, dass das Seine inzwischen in Frage gestellt war. Die Behauptung, dass es mein sei, erklärt dem suum cuique den Streit, suspendiert die Ordnung, die bestand, als das Seine in den griechischen Demen noch anerkannt und geschützt war.

Innerhalb dieser Ordnung des suum cuique konnte sich auch die vermutlich erste Demokratiebewegung in Athen entfalten. Es war die Jugend, die gegen die Ordnung des suum cuique der griechischen Adelsfamilien protestierten.

Es wird berichtet, dass es Sokrates war, der die Jugend aufgewühlt habe, mit ihr noch im hohen Alter sprach und deshalb auch angeklagt wurde. Er war ein Dorn in den Augen der griechischen Adelsfamilien. Aber nicht einer dieser Adelsfamilien sondern Anythos, ein wohlhabender Bürger Athens und Führer der damaligen Demokratiebewegung, verfasste die Anklageschrift gegen ihn. Seine Verteidigungsrede, die Platon in der Apologie des Sokrates überliefert hat, kann als Grundlage dafür genannt werden, dass auch heute das Recht den freien Willen des Menschen letztlich nicht brechen wird. Er wusste um die Allmacht des Rechts, beugte aber vor dem athenischen Volksgericht nicht sein Haupt.

Ihr könnt mich freisprechen, ihr könnt mich auch zum Tode verurteilen. Ihr müsst nur wissen, wenn ihr mich freisprecht, ich werde mich nicht ändern. "Wenn ihr also wie gesagt unter dieser Bedingung mich freisprächet, so werde ich sagen: meine Mitbürger, eure Güte und Freundlichkeit weiss ich sehr zu schätzen, gehorchen werde ich aber mehr dem Gotte als euch und solange ich noch Atem und Kraft habe werde ich nicht aufhören nach Wahrheit zu streben und euch zu mahnen und aufzuklären und jedem von euch mit dem mich der Zufall zusammenführt, in meiner gewohnten Weise ins Gewissen reden. Wie mein Bester, du ein Athener Bürger der grössten und durch Geistes Bildung und Macht hervorragensten Stadt, schämst du dich nicht durch möglichster Füllung deines Geldbeutels zu sorgen und auf Ruhm und Ehre zu sinnen, aber um Einsicht, Wahrheit und Besserung deiner Seele kümmerst du dich nicht und machst dir darüber keine Sorgen".

Den Schierlingsbecher musste Sokrates nach dieser Verteidigungsrede natürlich trinken.

Posted by Michael Schwegler at 7:37
Edited on: Sonntag, 24 November, 2019 20:41
Categories: Der einfache Mensch

Dienstag, 22 Oktober, 2019

Der einfache Mensch

unterscheidet sich vom bürgerlichen Menschen (frz. Bourgeois) im Wesentlichen in seinem Verhältnis zur Natur. Anders als der einfache Mensch glaubt der bürgerliche Mensch, dass er nicht nur Herr über den einfachen Menschen sein kann sondern auch über die Natur und die übrigen Geschöpfe der Natur. In diesem Glauben bedient er sich auch der Geschöpfe der Natur, des Bodens und der Meere. Der einfache Mensch hingegen lebt in Demut gegenüber der Natur. So stehen sich diese beiden Charaktere von Menschen stets unversöhnlich und diametral gegenüber.

Die Geschichte kann deshalb nicht in erster Linie als die Geschichte von Klassenkämpfen  wirklich begriffen werden. Ein Klassenkampf kann entschieden, stillgelegt oder vertraglich geregelt zumindest für längere Zeiten aufgehoben werden. Mehr noch: Durch intensive Ausbeutung der Erde und einem hohen technologischen Vorsprung in der Entwicklung der Produktivkraft Mensch, können sich der einfache Mensch und der bürgerliche Mensch den unterentwickelten und in ständiger Abhängigkeit gehaltenen armen Völker der Erde gemeinschaftlich bedienen und versöhnen sich im Teilen der Beute. Dass die Beute hierbei in aller Regel ungleich geteilt wird, spielt durch das psychologische Moment des gemeinsamen Herrschens kaum eine Rolle. Für Verteilungsverhandlungen setzen sich beide Charaktermenschen mit abgesprochenen Manieren an einen längst rund gewordenen Tisch.

Geschichtlich kann diese These mit der Entwicklung korporativer Systeme, dem erfolgreichen deutschen Programm der "sozialen Friedenssicherung" und flankierenden Methoden einer umfassenden Sozial- und Arbeitsgesetzgebung, den wirtschaftlichen Weltorganisationen, den Programmen zur Entwicklungshilfe usw. empirisch belegt werden. Ob die empirischen Daten, die bis heute diesbezüglich vorliegen auch für alle Zukunft taugen ist bezüglich der Eingangsthese zweitrangig.

Der Gegensatz aber zwischen dem bürgerlichen Menschen und dem einfachen Menschen ist in Permanenz vorhanden und kann nur aufgehoben werden, in dem der bürgerliche Mensch besiegt wird. Nie wird sich der einfache Mensch von der Natur emanzipieren: Für den Einen religiöses Dogma, für den Anderen die eigene Natur.

Die größte Chance, den bürgerlichen Menschen ein- für allemal zu besiegen, ist ein asymmetrischer Kampf gegen ihn, indem der einfache Mensch sich den Ansinnen der bürgerlichen Menschen konsequent verweigert (Ungehorsam und im gemeinsamen Credo: seid Sand nicht Öl  im Geriebe der Welt) und im Aufbau eigener Netzwerke außerhalb des bürgerlichen Lebens zur Sicherung seines Lebens unter einfachen Menschen sich auf eine befreite Gesellschaft in Zukunft vorbereitet.

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Posted by Michael Schwegler at 13:12
Edited on: Montag, 25 November, 2019 11:43
Categories: Der einfache Mensch

Dienstag, 15 Oktober, 2019

Brav gewühlt, alter Maulwurf

Rousseau nannte den einfachen Menschen einen einfältigen Menschen. Kant fasste sie im Begriff Pöbel zusammen. Es ist die Begrifflichkeit der Herren und entsprechend war ihr Weltbild das einer Gesellschaft der Herren und Knechte.

Das sei immer so gewesen, erklären heute die Medienmacher und das müssen sie. Würden sie es nicht ständig wiederholen, liefen sie Gefahr, dass die Haufen wahrgenommen werden, die anzeigen, dass er schon lange tätig ist und weiter wirkt, er, der Maulwurf.

Aus den letzten gut zweihundert Jahren könnten Berichte über die Sansculotten in Frankreich an ihn erinnern. Mit ihrem spontanen Aufbruch zur Bastille in Paris am 14. Juli 1789 eröffneten sie die Französische Revolution. Sie wurden zwar postwendend betrogen und die Herren übernahmen sofort wieder das Ruder. Aber sie zeugen von ihm, vom Maulwurf; auch 82 Jahre später, als es die Enkel der Sansculotten noch einmal mit der Pariser Commune versuchten. Diesmal mussten preußische Kanonen her, damit der demokratisch gewählte Rat von Paris zusammen mit dem erneuten Aufbruch der einfachen Menschen an der Mur des Fédérés zusammengeschossen werden konnte. Aber die Befreiung der einfachen Menschen vom Joch der Herren wird nie enden solange er lebt; der hegelsche Maulwurf.

Heute werden die einfachen Menschen "vergiftet". Pier Paolo Passolini schrieb über die einfachen Menschen in Italien: "Der Faschismus hat die Seele des italienischen Volkes nicht einmal angekratzt; der neue Faschismus hat sie mit seinen neuen Informations- und Kommunikationsmitteln (vor allem mit dem Fernsehen) nicht nur angekratzt, er hat sie zerfetzt, geschändet, für immer beschmutzt...."

Pasolini schrieb dies im Jahr 1973. Heute verfügen die Herren über eine Fülle von Techniken und Apparaten, um "das sei immer so gewesen" an jedem Tag erneut in Granit zu meißeln. Letztlich aber wird selbst ihr unter wissenschaftlicher Begleitung hergestelltes "Gift" nicht wirken: Maulwürfe sehen weder fern, noch lesen sie in Zeitungen.

Nur das Gift, das durch die zunehmenden Verbrennungsmotoren ihrer Industrien erzeugt wird, führt dazu, dass der Anteil des Kohlenstoffdioxids in der Atmosphäre stetig ansteigt. Dieses Gift allerdings wäre geeignet, dass am Ende er dann doch stirbt, der Maulwurf.

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Posted by Michael Schwegler at 12:32
Edited on: Samstag, 28 Dezember, 2019 19:51
Categories: Der einfache Mensch