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Freitag, 03 Januar, 2020

Das Drama knapper Güter

Der Mensch muss essen. Das hat er mit allen Lebewesen gemeinsam; ohne Stoffwechsel ist kein irdisch Leben. Der übrige Stoffwechsel, dem oft ein wirklicher Stoff längst abhanden gekommen ist, muss den Maßnahmen zur Senkung des Kohlenstoffdioxis unterworfen werden; nicht durch Zwang, sondern über den Geldbeutel. Nicht durch den Geldbeutel, wie dieser heute ausgebildet ist. Über einen Geldbeutel, der mit dem Grundsatz der Gleicheit der Menschen definiert wird.

Am ersten Tag nachdem Gott den Menschen erschaffen hat soll das anders gewesen sein. Es wird behauptet, dass die ersten Menschen, die er nach seinem Ebenbild geschaffen hat, im Paradies gelebt haben. Milch und Honig sollen dort geflossen sein und alles war gut. Das habe ich früher auch so ähnlich gelesen nachdem ich selber mit dem Lesen begonnen habe und mich von meinen Vorlesern emanzipierte. Ob dieses eines meiner ersten Bücher auch gut war weiß ich nicht mehr, aber es wird stimmen. Ich stellte mir vor, dass ich den Mund fest schließen und die Luft anhalten werde und ohne den Magen zu füllen auch hindurch käme. Durch den Brei, der das Schlaraffenland wie eine Stadtmauer umgab; dieser Ring aus Brei hatte keine Öffnung, durch die hätte gegangen werden können. Hier musste ordentlich erst einmal gegessen werden. Aber diesen Brei mochte ich nicht. Er wurde mir täglich serviert und immer musste ich ihn essen. Außerdem hätte er meinen Magen gefüllt und so wäre kaum Platz mehr gewesen für das Übrige, auf das ich in diesem Schlaraffenland hoffen durfte. Das was inmitten dieses Landes frei an Bequemem und Köstlichem ausgewählt werden konnte wäre die Überwindung aller Knappheit gewesen, die bei uns vor allem in den Fastenzeiten damals doch sehr stark und den Kindern erst recht zu schaffen machte. Zu Schaffen machte es nicht wirklich, wir Kinder schafften ja nichts, aber entbehrungsreiche Zeiten waren es allemal. Vor allem der letzte Tag blieb in Erinnerung: Alles Köstliche, das in dieser Zeit anfiel und gesammelt wurde, musste abgegeben werden. Die in schwarz gekleideten Schwestern, deren Namen ich mit Schwester Kaba und Schwester Deigo La bis heute behalten habe und die lediglich ihre Stirn mit weißem Tuch bedeckten, nahmen derart freundlich diese Gaben entgegen und versicherten, dass sich ein Negerkind in einem schwarzen Erdteil jetzt freuen würde. Die Erde bei uns war nie schwarz. Als ich das meiner Mutter erzählte, klärte sie mich auf: Die Erde sei auch hier schwarz gewesen nachdem die Bomben fielen. Das aber geschah vor meiner Zeit. Ich war meine Gaben los und verstand das alles nicht ganz; geben wollte ich eigentlich nichts, ich wollte mich doch nur in diesen Wochen zurückhalten und auf Vieles verzichten. Aber ich lernte zu geben.

Ich komme zurück. Frei, auf dem Rücken liegend, empfing ich die Köstlichkeiten mit weit geöffnetem Mund, stopfte sie langsam in mich hinein, wenn sie nicht schon selber tief genug in meinen Mund hineingeflogen waren. Ruhig bin ich dagelegen und habe mir immer weitere Köstlichkeiten gewünscht aus Angst der Traum könnte bald enden. Er endete.

Es wird auch behauptet Eva hätte nicht nur dagelegen sondern sei aufgestanden und habe unvermittelt vom Baum der Erkenntnis gegessen. Adam hätte nur zugeschaut und vielleicht war er noch nicht einmal aufgestanden; er soll nichts begriffen haben. Er wusste wohl von Evas Sünde aber nicht was er jetzt tun könnte? Er hat ja auch nicht von diesem Baum gegessen, wie hätte er also wissen können? Er musste auch nichts essen. Im Paradies erfolgte kein Stoffwechsel, der Mensch war Stoff selber.

Das ist aber nicht wahr. Es war ganz anders und wenn wir genau lesen lernen wir das Entscheidende. Wer glaubt, dass das Paradies einem Schlaraffenlang glich hat nichts begriffen; gar nichts. Wir müssen schon nachdenken, um alles zu verstehen. Über den Garten Eden wurde berichtet. Dort lebten die ersten Menschen gottgleich, sie waren unsterblich inmitten einer reinen Natur, die natülich nicht wild sondern ordentlich bestellt war. Die Menschen, Tiere, Pflanzen mitsamt dem Gestirn, das über sie in der Nacht leuchtete, waren eins im Glauben. Bis diese Schlange zu Eva kam und sagte bevor Eva vom verbotenen Baum der Erkenntnis den Apfel aß: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben sondern Gott weiß: An dem Tag, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“

Die Schlange sprach von der Erkenntnis: Erkenntnis als Negation des Glaubens. Da aß Eva vom Baum der Erkenntnis und die Trennung mit Gott war vollzogen. Jetzt musste sie wie Adam, den sie sofort verführte und der auch vom Baum aß, „im Schweiße des Angesichts arbeiten“; dafür aber konnten sie jetzt die Natur erkennen, die das Werk Gottes war. Wie aber geschrieben mussten sie den Garten Eden verlassen. Ohne Glauben, dafür aber erkennend, standen sie jetzt jenseits dieses Garten Edens, von dem ein kalter Wind herwehte, weshalb sie im ersten Moment dieses frühen Morgen zurückwollten. Im Garten, aus dem sie vertrieben wurden, war es immer warm. Jedensfall meinten sie das, obwohl sie das jetzt nicht wussten; sie glaubten das. Auch angesichts der Wildnis wollten sie zurück, dieser völlig anderen Natur, die hier ganz anders war als die Natur, aus der sie hinausgeworfen wurden, weil sie jetzt sahen und erkennen konnten. Eva und Adam schauten sich an und erkannten jetzt, dass sie nackt waren. Jetzt wussten sie, dass alles anders werden wird und sie Gott nicht mehr schauen sondern erkennen müssen in all der Wildnis um sie herum. Sie wussten auch, dass sie irgendwann sterben müssen deshalb legten sie sich ins hohe Gras und paarten sie sich an diesem ersten Morgengrauen.

Und Gott sah, dass es gut war.

Trotz der Wildnis um sie herum verstanden sie sich gut an diesem 1. Tag nach dem Sündenfall. Als sie sich gepaart hatten waren sie glücklich. Es war ein anderes Glück als das Glück, das sie zuvor kannten, weil sie während sie miteinander schliefen erkennen konnten, dass es schön war. Am Vormittag feierten sie inmitten der Wildnis und lobten die Schlange. Sie hat tatsächlich ihre Augen aufgetan und sie erkannten die Reize der Natur. Ganz anders erkannten sie jetzt auch die Tiere und die Pflanzen. Sie bedienten sich der natürliche Stoffe der Natur und schützten sich, weil immer noch der kalte Wind vom Paradies her wehte. Sie spürten, wie sich der Glauben in ihnen löste und menschliches Leben in ihre Körper kam, die verschieden waren und ein Gefühl der Scham erzeugte, das sie zuvor auch nicht kannten. Sie erkannten auch, dass sie sich gegen die Kälte, die immer noch da war und die sie gestern auch noch nicht gekannt hatten, dass sie sich schützen konnten und bauten sich ihre erste Hütte. Mittags war die Hütte fertig; sie sahen sich an und waren noch glücklicher weil sie gemeinsam diese Kälte ausschließen konnten, die jetzt nur noch draußen herrschte. Zufrieden saßen sie in der Hütte, umarmten und liebten sich.

und Gott sah, dass es gut war.

Als der erste Hunger aufkam erinnerten sie sich an den Fluch, dass sie jetzt im Schweiße ihres Angesichts das Brot schaffen müssen. Sie liefen hinaus, rodeten den Boden, rissen die Dornbüsche aus und legten den ersten Garten an, wie sie diesen im Garten Eden geschaut haben. Im Schweiße ihres Angesichts waren sie glücklich als der Garten angelegt war. Sie bestaunten ihr Werk und versprachen, dass sie diesen Garten künftig gemeinsam und regelmäßig bestellen werden. Gemeinsam wollten sie zwischen den Arbeiten die Natur erkennen und immer, wenn die Arbeit im Garten und am Haus das zuließ. Sie waren glücklich als sie an diesem ersten Abend nach dem Sündenfall in ihrem Garten vor ihrem Haus saßen und den ersten Wein tranken, den sie selber gekeltert hatten. An diesem Abend sangen sie zusammen, schauten in den Abendhimmel und erkannten das Himmelsgewölbe, das sich über sie spannte bis hinüber zum Garten Eden. Der Wind, der an diesem 1. Abend vom Paradies herwehte, war nicht mehr kalt; er war warm.

Und Gott sah, dass es gut war.

Gemeinsam brachen sie an diesem Abend das Brot. Sie feierten diesen 1. Tag, den sie als den glücklichsten Tag ihres Lebens zur Erinnerung Freiheit nannten. Das Gefühl, in Zukunft immer erkennen zu können und nie mehr glauben zu müssen, beseelte sie. An diesem 1. Tag Freiheit feierten sie auch den freien Willen, den sie zuvor nicht kannten. Sie wunderten sich weil die Erfahrung des freien Willens des Sündenfalls bedurfte. Mit der Freiheit feierten sie an diesem ersten Abend auch die Gleichheit und ihre Augen strahlten. Als Mann und Frau legten sie sich schlafen und Adam lag in den Armen von Eva, die jetzt ein Kind von ihm erwartete. Nie sollst du mir Untertan sein sagte Adam noch kurz bevor er einschlief. Eva flüsterte nur noch: Warum auch? Und schlief ebenfalls ein.

In dieser Nacht schlief auch Gott ein, nachdem er sah, dass es gut war.

Der zweite Tag brach an. Fortan erkannten sie die Natur immer besser, tauschten ihre Wahrnehmungen aus und fingen an, Gesetzmäßigkeiten in der Natur zu erkennen. Sie entdeckten Ordnungen im Lauf der Gestirne und waren jetzt täglich fasziniert. Nach und nach verstanden sie die Pflanzen zu nutzen. Die Zeit, die sie für die Arbeit aufwanden, konnten sie immer mehr reduzieren. Sie verstanden immer besser, das Feld zu bestellen und freuten sich über die Früchte ihres Feldes. Oft aber war das Leben auch schwer. Krankheiten und Hunger wechselten sich in den Jahreszeiten ab und manchmal schauten sie hinüber zum Garten Eden. Sie wussten in diesen für sie schweren Momenten nicht weshalb sie da hinüberschauten. Aber sie erkannten, dass sich dieser immer weiter von ihnen entfernte.

Am dritten Tag überraschte sie ein schreckliches Gewitter und einer hatte Angst bekommen. Die anderen konnten ihn nicht beruhigen. Sie konnten ihm das Gewitter nicht erklären und versprachen, dass sie sich kümmern werden und beobachten wollen, was das ist. Die Angst aber wich bei ihm nicht. Er wolle nicht mehr mit dieser Angst leben und ist fortgegangen. Andere, die bei ihm waren und jetzt auch von der Angst redeten, fingen an, von Mächten zu reden, die diese Blitze und Donner zur Erde schicken.

Auch am vierten Tag donnerte und blitzte es fürchterlich und diese Ängstlichen bekamen noch mehr Angst. Da betrat der erste Schuft in der Menschheit die Erde und den Raum, in dem sie verängstigt um den Tisch saßen. Er ähnelte der Schlange aus dem Paradies und sprach: "Gebt mir einen Teil eures Brotes und ich werde euch beschützen. Der Herr sei mit euch."

Die Ängstlichen arbeiteten jetzt weit über das Mindestmaß hinaus und erwirtschafteten Überschüsse, denen sich der Schuft fortan bediente. Nachdem sich die Menschen an ihn gewöhnt hatten legte er ihnen einen Vertrag vor und erklärte, dass sie jetzt immer unter seinem Schutz stehen würden. Das verstanden die Ängstlichen nicht aber sie unterschrieben den Vertrag. Sie hätten es verstehen können wenn sie nur einmal aus dem Fenster geschaut hätten: Sie hätten sehen können, dass da draußen sich die Natur veränderte obwohl jetzt schon länger kein Gewitter mehr da war.

Am Abend kam dieser Schuft mit zwei anderen zurück, die Adam und Eva nicht kannten. Er eröffnete ihnen, dass der Boden, auf dem sie ihren Garten angelegt und die Hütte errichtet haben jetzt ihr Boden sei; die Anderen hätten das so bestimmt. Demokratie herrsche jetzt im Land. Eva und Adam konnten jetzt lesen, dass das so ist. An diesem Abend spürten sie zum ersten Mal auch, dass sie alt geworden waren. Sie umarmten und liebten sich wie damals, als Eva schwanger wurde. Eva sagte zu Adam, dass jetzt alles anders werde und dass die Freiheit einer Moderne Platz machen wird. Eva kannte inzwischen die Menschen. Adam entgegnenete ihr, dass ihre Tage auf dieser Welt jetzt auch gezählt werden können und beide schauten zum letzten Mal hinüber zum Garten Eden, der längst nicht mehr erkannt werden konnte. Aber in welcher Richtung er einmal gelegen hat wussten sie. Nicht wirklich, aber immer haben sie aus diesem Fenster geschaut wenn sie den Garten Eden und Gott schauen wollten. Ihn erkannten sie noch. In dieser Nacht lächelten sie wie ein jung verliebtes Paar zu ihm hinüber und waren sich sicher, dass er es war, der dort immer noch schlief. Sie sahen sich an, küssten sich und wussten, dass es gut war.

Diese Geschichte dient dem Erkennen, weil sie verständlich und einfach ist. Sie wird auch andernorts erzählt nur etwas anders. So zum Beispiel in der Erzählung von Pandora. Wie Eva war sie weiblich. Hephaistos hat sie nicht wie Gott die Eva aus einer menschlichen Rippe sondern aus irdischem Lehm geschaffen. Aber wie Eva hielt auch Pandora sich nicht an die Gebote und öffnete diese gottverdammte Büchse. Pandora aber blieb anders als Eva bei den Göttern, nur die Plagen, die der Büchse entwichen, blieben bei den Menschen. Hier konnte sie nichts dafür. Die Menschen hätten eben nie den Göttern vertrauen sollen. Bei Adam und Eva war das anders, die waren keine Götter, die waren Menschen. Der Fluch der Arbeit, der seither unter die Menschen kam, ist aber in beiden Erzählungen derselbe. Fortan muss zumindest ein Minimum an Arbeit für den Stoffwechsel mit Natur erledigt werden, was wir erfahren können und deshalb werden die Erzählungen wohl wahr sein. Vielleicht nicht wirklich; ich war nicht dabei, aber denkbar und das genügt um zu verstehen, weshalb wir keineswegs drumherum kommen, die notwendige Arbeit gemeinschaftlich zu erledigen. Die Postmodernen sprechen anders, dass die Zeit der alten Erzählungen jetzt vorbei sei und wir sollen in die Zukunft schauen. Aber wenn wir in die Zukunft schauen und diese einfachen Erzählungen nicht kennen, werden wir es schwer haben den Schuft zu erkennen. Vielleicht werden wir ihm noch heute die Füße küssen obwohl die Angst längst gewichen ist. Die Produktivkraft Mensch hat sich in einem Maße der Natur bemächtigt, dass sie sich inzwischen anschickt, über die Natur zu herrschen.

Die Arbeit hat längst ein Mehrfaches eines Mindestmaßes überschritten und die Arbeitsteilung schreitet wie die Arbeitszeit fort. Der Fluch der Arbeit ist bei vielen Menschen aber einem Bedürfnis nach Arbeit gewichen. Diese Menschen erkennen nicht mehr, dass sie Dämonen und Götzen dienen und diese Arbeit, die sie freiwillig gegen Lohn leisten, den Menschen verletzen wird. Sie haben keine Zeit mehr zu entdecken, zu staunen, zu erkennen. Ihre Biografien gleichen sich an und sie werden beurteilt in Kategorien der Nützlichkeit, der Kostenfaktoren; sind Humankapital und sie erdulden einen fremden Willen und wenn sie etwas sagen wollen wird ihnen der Fernseher hinstellt: Er soll ihnen antworten, das genüge. Für einen Beobachter dieser Szenen ist es schwer zu begreifen, dass der Fernseher von ihnen jetzt nach diese Demütigung sogar eingeschaltet wird. Als bloße Funktion verzichten sie immer mehr auf einen Kompass, dessen Nadel früher immer hinüber ins Paradies zeigte, das der erkennende Mensch nicht betreten würde, wie uns die Geschichte von Adam und Eva gelehrt hat. Erkennen und Glauben schließen sich aus. Sie schließen aber nicht Gott aus. Der Mensch muss sich entscheiden. Aber ohne Kompass kann eine Entscheidung sehr gefährlich werden. Ohne Kompass besteht immer die Gefahr, dass sich Auschwitz wiederholt. Wenn wir aufrichtig sind und uns der modernen Mythen entledigen wollen wir zurück an jenen 1. Tag, den die beiden Freiheit getauft haben und nur dafür brauchen wir den Kompass.

Heute und längst schon reden auch die Frauen. Nicht alle haben bei Eva gelesen. Aber die, die gelesen haben, reden noch viel zu leise. Sie hören immer noch zu wenn ihnen der Brief des Paulus an die Epheser vorgelesen wird, dass die Frauen ihren Männern untertan sind, als gälte es dem Herrn. Samt diesem Luther, der ohnehin fast nur bei Paulus las, hätten sie diese Texte zerreißen sollen und die Männer, die diese einfältigen Dummheiten auch gerne predigten, aus dem gemeinsamen Bett weisen sollen; so wären sie wenigstens ausgestorben. Aber viel zu viele bevorzugten das Leben einer Hure und erinnern sich nicht mehr daran, dass die Natur sie zuvörderst mit der gottgleichen Eigenschaft einer Lebensspenderin ausgestattet hat. Auch wenn sie sich nach und nach von diesem Paulus emanzipieren, so übergeben sie, modern geworden, doch oft noch ihre Kinder im zarten Alter an die Krippen, um für ein eigenes Leben in Arbeit das Haus verlassen zu können. Oft eilen sie sogar ohne noch einmal erkennen zu wollen, dass die Notwendigkeit an Zeit, die für die Arbeit verwandt werden muss schon lange weit überschritten wurde und sie nur noch einem männlichen Dämon frönen, der sich von ihnen aushalten lässt. Emanzipiert euch von der Arbeit und fordert bei jedem Kind, das ihr gebärt, grundsätzlich die ersten drei Lebensjahre des Kindes freie Zeit für euch beide, Vater und Mutter, und verlangt, dass diejenigen, die diese Gesellschaft geschaffen haben das bezahlen müssen, so dass es euch besser geht in diesen Jahren als wenn ihr arbeiten müsstet. Sie behandeln euch oft wie Sklaven und die die Parole "Befreiung durch Arbeit" haben die Faschisten geprägt. Die müsst ihr immer bekämpfen egal in welchen Gewändern sie daherkommen und welche Zungen sie mit sich führen.

Menschenrechte werden heute wie damals formuliert. Damals lag noch der jahrzehntelang der Code Noir neben den erhabenen Sätzen. Heute hat ihn längst das Bürgerliche Gesetzbuch abgelöst. In ihm aber wurde der Fluch der Arbeit fortgeschrieben, ja sogar noch einmal verschärft. Thomas Jefferson hat in seiner selbst gebastelten Bibel alles herausgeschnitten, das für eine Erlösung vom Fluch der Arbeit noch hätte taugen können. Hochangesehen bei den Bürgern war dieser Advokat; er schnitt mit einer Rasierklinge, - da bedarf es keiner Erkenntnis, da muss nur ordentlich gewerkelt und wiedergekäut werden,- ausgewähltes und besser gründlicher heraus.

Man müsse ihn wie Luther auch in seiner Zeit verstehen. Welch eine postmoderne Dummheit der Menschen, die selbst das von diesen Männern wiedergekäute essen und inzwischen freiwillig noch einmal wiederkäuen obwohl sie wissen könnten, dass sie davon bestimmt nicht satt werden. Thomas Jefferson hätte sich in seiner Zeit mit François Noël Babeuf an einen Tisch setzen können, um über seinen Entwurf der Menschenrechte mit ihm zu sprechen; er aber suchte ihn nicht. Wie steht es hier mit dem Verständnis in dieser Zeit? Beide lebten doch zur gleichen Zeit und beide werden doch in ihrer Zeit verstanden? Auch im Streit Martin Luthers mit Erasmus von Rotterdam blamiert sich dieser Vortrag der Lutheraner. Beide stritten sogar exakt zur selben Zeit miteinander und vergleichen wir jetzt einmal die Worte der Beiden. Sie besuchten sogar dieselben Schulen, gut, nicht am gleichen Ort, aber der Lehrplan ist mit den heutigen überhaupt nicht mehr vergleichbar. Als Augustinermönche glichen sie sich oft sogar in ihren Bewegungen, wenngleich diese nicht immer zur selben Stunde durchgeführt wurden.

Hört auf. Es sind zwei Verbrechen, die heute sehenden Auges noch nicht einmal von den meisten Menschen in den gesättigten und satten Industrieländern in Frage gestellt werden: Die Zerstörung der Welt durch eine scheinbar unersättliche Gier nach materiellem Wohlstand und die unerbittliche Aufrechterhaltung des Fluchs der Arbeit.Jenseits der Knappheit an Gütern halten sie den Motor dieser Verbrechen mit dem Bürgerlichen Recht aufrecht und polieren täglich das Gehäuse, das mit dem Staat für die grenzenlose Ausweitung des Marktes der erzeugten Güter sorgt. Dafür wurde der Glauben an eine reine Natur aus dem Staat geworfen, wie das Rousseau genau so unverblümt sagte und wir ihn deshalb sehr gut auch in seiner Zeit verstehen; da gibt es keine Zeitdifferenz. Als Götzenbild tragen noch immer seine Gläubigen sein Bild ähnlich einer Monstranz, die aber mit einer katholischen Monstranz gar nichts zu tun hat, in ihrem Geldbeutel vor sich her.

Sie schreiben über ihn gerne wie über einen Philosophen, und manche rahmen eine Tagebuchzeile Kants gerne ein, die sie an die Wand hängen wie ihre Diplomurkunden der Arbeit: Rousseau habe ihn, den großen Philosophen des Bürgertums, zurecht gerückt.

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Posted by Michael Schwegler at 16:10
Edited on: Sonntag, 15 März, 2020 7:01
Categories: Das Drama knapper Güter